"Das Wandern ist...

...eine tolle Lebenserfahrung", sagt uns eine der drei weiblichen Wandersleut´, die zur Stippvisite das Rathaus in Ranstadt besucht haben. Dabei handelte sich um zwei Konditorinnen und eine Goldschmiedin.

Jedes Jahr wieder erfreuen uns junge Menschen, die auf der "Walz" in Deutschland, Europa oder gar weltweit unterwegs sind. Hier bekommen sie, wie in jeder Gemeinde in Deutschland, eine kleine, finanzielle Wegzehrung und ein Getränk. Dann ein Eintrag in ihr Buch und das Stadtsiegel, was sie früher berechtigte, in der Stadt zu arbeiten und sich für einige Tage aufzuhalten. Dann lauschten wir kurz ihren eindrucksvollen Schilderungen, von wo sie kommen und wohin die Reise heute noch geht. Der Besuch beginnt und endet mit einem Zunftspruch, der nicht auf Video aufgenommen werden darf. Auch fotografiert wird nur einmal und zwar draußen.

Der Abschluss eines traditionellen Handwerksberufs erlaubt jungen, zwingend ungebundenen Menschen, die Freiheit einer "Reise" zu erleben, auf der sie nicht mehr mitnehmen, wie sie am Leibe tragen können. Ein Handy dürfen sie nicht besitzen und während ihrer Reise dürfen sie sich nicht weniger wie 50 km ihrer Heimatgemeinde nähern.

Tieferer Sinn ist es, neben der Lebenserfahrung, das Handwerk noch besser zu erlernen und zwar in den unterschiedlichsten Ausprägungen, den verschiedenen Techniken und Stilen verschiedener Regionen und Ländern. Das eigentliche Ziel: den Beruf noch besser kennenzulernen, quasi um sich den Feinschliff des Handwerks anzueignen. Dieser Form der "Weiterbildung" erfreut sich immer wieder großer Beliebtheit. Inzwischen sind bereits schon wieder etliche 100 junge Menschen auf der Walz unterwegs. Sie nennen sich selbst "Reisende". Manche gehören einer alten Zunft oder Verbindung an, die sie während der Reise immer wieder begleiten oder deren Gemeinschaft sie aufsuchen können - dies auch aus versicherungsrechtlichen Gründen. Die Zünfte stammen teils aus dem Mittelalter und pflegen bis in die heutige Zeit ihre Traditionen.

Ein gutes Beispiel sind die "zünftigen" Sprüche, die jeder Reisende lernt und sich damit Gehör verschafft. Reisende Handwerker finden relativ leicht in jeder Region Arbeit, da sie als Saisonkräfte mit hoher Qualität und Fachlichkeit sehr beliebt sind.

Auffallend sind meist die großen Hüte, um den Kopf vor Witterung zu schützen und Schlaghosen, um Nässe und Schmutz weitgehend von den Füßen abzuhalten. Zusätzlich tragen sie meist einen Wanderstock, der sie während der langen Reise über Stock und Stein begleitet. Manche tragen entsprechend ihrer Zugehörigkeit und Erkennung ihrer Zunft, blaue oder schwarze Schlipse, die sog. „Ehrbarkeit“.

Bekannt ist traditionell der junge, männliche Zimmermann, der zu früheren Zeiten erst dann seinen Meister absolvieren durfte, wenn er von der Walz zurück kam. Weniger bekannt ist allerdings, dass die Walz in sämtlichen Handwerksberufen möglich ist. "Frauen dürfen übrigens schon immer - auch schon im Mittelalter - reisen, was aber allenthalben nicht ganz so oft vorkommt", erklären uns die Mädels ganz stolz. Eine der jungen Frauen ist seit zwei Wochen unterwegs, eine andere, die sie länger begleiten wird, befindet sich hingegen im vierten Jahr ihrer Reise. Dies sei aber schon eine sehr lange Zeit, normalerweise dauert die Walz traditionell 3 Jahre und 1 Tag.

Wer zuvor abbricht, geht als "Schlitzohr" nach Hause, denn er bekam nach alter Sitte, den ihm verliehenen Ohrring herausgerissen. Mit dem Ohrring - traditionell wertvoll und aus Gold - sollte sich der Wandergeselle im Zweifel aus der Not freikaufen oder die Beerdigung finanzieren können.

Daran denken unsere sympathischen Frauen aber noch nicht, als sie mit ihren großen Krempenhüten gut gelaunt, gestärkt und winkend in Richtung Büdingen von dannen ziehen.

Wir wünschen wir Ihnen gute Reise und allseits Gottes Segen!  

Cäcilia Reichert-Dietzel

 

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